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"Geschichte und Geschichten" von und aus Hahnbach von Marianne Moosburger (Teil 15)

Das Kriegsende auf dem Frohnberg

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war für die Familie Lobenhofer, die auf dem Frohnberg das Anwesen mit einer Bierwirtschaft betrieb, mehr als dramatisch und hat sich förmlich ins Gedächtnis der Kinder eingebrannt.

Die sogenannte Klause bewohnten damals die Mutter Elisabeth mit ihren drei Söhnen, Josef (9 ½ Jahre), Hans (Hans 6 Jahre) und Konrad (3 Jahre). Zur Hausgemeinschaft gehörten auch noch der Großvater und die drei Onkel Andreas, Max und Georg.

Der älteste Sohn Josef weiß noch genau, dass es ein Wochenende war, als ihr aller Schicksal an einem winzigen seidenen Faden zu hängen schien.

„Es war Freitag, der 20. April 1945“, erzählt er, „als ein großes Mercedes-Cabrio mit hochdekorierten Offizieren und zwei Damen in Nerzjacken vor dem Haus hielt. Herrisch verlangten sie, dass ihr im hinteren Bereich mit Zeltplanen getarntes Auto sofort in die kleine Scheune neben dem Haus zu bringen ist“. Der Familie Lobenhofer blieb nichts anderes übrig, als die dort untergebrachte Sämaschine und die Reservebetten daraus zu entfernen.

Die Offiziere und ihre Damen quartierten sich dann in der Wirtstube ein, um am Morgen darauf echten Kaffee aus ihrem mit Lebensmitteln voll beladenen Auto zu präsentieren und das Aufsetzen von Kaffeewasser zu verlangen.

Doch es kam ganz anders. Gegen 11 Uhr trafen drei erschöpfte deutsche Soldaten auf dem Frohnberg ein. Einer davon war verwundet. Mit „Ihr feigen Hunde, wo seid ihr getürmt!?“ begrüßte sie einer der Offiziere. Daraufhin erklärte einer der Soldaten, dass ihr Panzer bei Edelsfeld in die Luft gesprengt worden sei und sie dabei fünf Kameraden verloren haben. Auch hätten sie eine Panzerspitze der Amerikaner bereits im nahen Kugelfang gesichtet.

Umgehend änderte sich die Gesichtsfarbe der Offiziere und ihrer Begleiterinnen und jene ergriffen hektisch und in offensichtlicher Panik die Flucht.

Am Samstagnachmittag darauf hatten sich zwölf deutsche Soldaten im Haus einquartiert. Sie waren mit einem Lastwagen und einem Panzer gekommen, dessen Kühler rauchte. Als ein Soldat dessen Deckel aufschraubte, verbrühte er sich den rechten Arm mit dem kochenden Wasser. Meine Mutter, so Josef Lobenhofer, verband sogleich die äußerst schmerzhafte Wunde.

Aber der nervöse Kommandant schrie nur herum und deutete es als Wehrkraftzersetzung. Nachdem Wasser aus dem nahen Ziehbrunnen geholt und eingefüllt war, zogen einige Soldaten dann weiter nach Kümmersbuch in die Nähe der Villa Siegert. Den Panzer versteckten sie im nahen Hohlweg in Richtung Oicha, sprich Ochsenschlag.

Es dauerte nicht lange, da hatte sie ein amerikanischer Spähtrupp entdeckt und sie und als „Kollateralschaden“ auch Teile des Hofs von Martin Weiß von Gallmünz aus beschossen und getroffen.

Ein Teil des Weißnhofs brannte ab und zwei der Soldaten starben dabei im Panzer. Die Kümmersbucher Familien Hanna und Karl beerdigten die Toten daraufhin neben der Straße, von wo sie viel später dann in ihre Heimat überführt wurden.

„Dann kam der Sonntag und in uns Kindern war eine kribbelnde Unruhe“ erzählt Josef Lobenhofer. „Wir Kinder waren alle auf dem Kirchturm der Wallfahrtskirche und schauten von dort neugierig in die Umgebung, welche dank der damals noch niedrigen Buschvegetation um den Tafelberg gut einsichtig war.

Plötzlich tauchten drei farbige Amerikaner auf.“ Im strengem Befehlston der Sieger riefen diese lautstark „Wo SS?“. Nicht nur die Kinder bekamen es da mit der Angst. Doch sie fassten sich schnell, liefen vom Turm herab und riefen das (wohl bei allen Kindern) beliebte Wort, nämlich „Schocklate, Schocklate!“.

(von links) Mutter Elisabeth mit Tante Lina, den Söhnen Konrad, Hans und Josef und (unten links) Cousin Georg

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Die auf dem Berg verbliebenen Soldaten traten umgehend mit erhobenen Händen vor die Türe und schwenkten ein zu einer weißen Fahne umgewidmetes Kopfkissen. Ihr Kommandeur aber, der als einziger eine Waffe hatte, wollte absolut nicht, dass sie sich kampflos ergäben und rief seinen Kameraden noch trotzig zu: „Wenn die Wehrwölfe kommen, werdet ihr alle hängen!“.

Max und Emil, zwei Belgier aus dem Sammellager von Rosenberg, waren ebenfalls im Haus und sahen von den oberen Fenstern aus der Gefangennahme der Deutschen interessiert zu. Als sie von den US-Streitkräften entdeckt wurden, forderten diese die beiden ebenfalls auf, auf den Vorplatz zwischen Kirche und Klause zu kommen.

Mit ihren Gewehren im Anschlag verlangten die Amerikaner dann den unmittelbaren Abmarsch der Truppe nach Kötzersricht, wo sie sich im Viereckhof der Wirtschaft Rauch aufzustellen hatten. „Wir Buben waren natürlich mehr oder weniger versteckt hinterherschlichen“, schmunzelt Josef „und beobachteten genau die Szenerie. Es war Abenteuer pur!“.

Als der amerikanische Kommandant sah, dass die amerikanischen Soldaten die beiden Kriegsgefangenen regelwidrig mitgenommen hatten, begann er seine Soldaten „richtiggehend auszuschimpfen“, so Lobenhofer. Daraufhin wurden die Belgier sogleich in die Freiheit entlassen.

In der Nacht auf Montag, gegen ein Uhr, wurde die Familie wieder aus dem Schlaf gerissen. 65 deutsche Soldaten kamen auf den Frohnberg und reklamierten ein Quartier. Als Gefangenen hatten sie einen verwundeten amerikanischen Soldaten dabei. „Energisch versuchte sie meine Mutter mit den Worten wegzuschicken: „Geht’s heim, der Krieg ist aus!“. Doch sie hatten Hunger und holten Kartoffeln aus dem Lager.

Die deutschen Soldaten erzählten, dass sie von Hahnbach herauf gekommen seien. Auch berichteten sie, dass dort niemand mehr in den Häusern sei. Denn die Einwohner hatten sich aus Angst vor der amerikanischen Beschießung in den Kellern in der damaligen Bayreuther Straße (heute Vilsecker Straße) in Sicherheit gebracht. Aus den Häusern hatten sich die Soldaten mit Fleisch eingedeckt, welches sie dann mit der Familie Lobenhofer verzehrten. Auf der Rosenberger Seite bauten sie, trotz des Protests der Lobenhofers, anschließend einen Verteidigungsring mit Maschinengewehren auf.

Es dauerte nicht lange, da tauchten die beiden von den Amerikanern freigelassenen Franzosen aus dem Stalag (Stammlager, dem Gefangenenlager) Rosenberg wieder auf. Auch sie begaben sich in die Küche, in die sie der Duft nach Kartoffeln gelockt hatte.

Der gefangene Amerikaner und einer der Franzosen sahen sich dort plötzlich zuerst länger an, dann anfangs zögerlich und immer klarer werdend, fielen sich die beiden plötzlich um den Hals und erkannten sich als ehemalige Studienkollegen. Sie hatten vor dem Krieg gemeinsam in London studiert, sich aber in den Kriegswirren gänzlich aus den Augen verloren.

Es sei sehr ergreifend und für uns Kinder und wie ein Wunder gewesen, so Josef Lobenhofer, dass sich ausgerechnet in ihrer Küche zwei Freunde aus zwei Nationen und noch dazu vor ihren Augen „im Feindesland“ wiedergefunden hatten.

Plötzlich aber, so erzählt Lobenhofer weiter, sei jener Franzose, der sich unter anderem als Diakon geoutet hatte, verschwunden. Er war heimlich nach Hahnbach gelaufen, um dort den amerikanischen Besatzern jene 65 Soldaten auf dem Frohnberg zu verraten. Als man begriff, welche Gefahr den deutschen Soldaten dadurch drohte, entband ihr Kommandant umgehend seine Truppe vom Waffeneid.

Daraufhin flüchteten alle deutschen Soldaten in sämtliche Richtungen. Der mit einem Steckschuss schwer verwundete Amerikaner aber flüchtete mit seinem Kollegen über die Kreuzwegstationen im Norden nach Hahnbach. Es dauerte nicht allzu lange, da fuhren drei amerikanische Panzer in Begleitung jenes französischen Diakons auf den Tafelberg. Von allen Seiten richteten sie ihre Geschossrohre auf das Anwesen und verlangten das Heraustreten aller derzeitigen Bewohner.

Wir traten also wieder voller Angst vor die Mündungen, die nichts Gutes verhießen. „Und ich weiß noch“, so Josef Lobenhofer, „wie meine Mutter gut hörbar und äußerst couragiert in jener Situation den Franzosen fragte: Marcel, warum?“ Als prompte Antwort habe dieser gegeben, dass er es seiner Pflicht als Soldat eben geschuldet habe.

Am 10. Mai 1945 bekamen wir es noch einmal mit der Angst, erzählt Josef Lobenhofer. Eine Me(sserschmidt) 109 flog ganz flach über den Berg, als wir eine von Hahnbach kommende amerikanische Militärkolonne in Richtung Amberg ziehen sahen. Kaum hatte man das Flugzeug gesichtet, wurde es beschossen und getroffen. Es stürzte zu Boden und rutschte dort ein gutes Stück weiter. Der Pilot aber sprang heraus, um in den nahen Wald am Ochsenschlag zu flüchten.

Die Amerikaner folgten im Jeep und schossen auf ihn, bis er im Wald verschwand. Ich war vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, als ich beim Platzer-Wirt denselben Piloten diese Geschichte erzählen hörte. Er erklärte dort, dass er nach Hause, nach Hirschau fliegen wollte, aber fast gar kein Benzin mehr gehabt habe. Dies sei aber bei jenem Abschuss sein Glück gewesen, da die Maschine kein Feuer gefangen habe und er letztendlich heim kam und überlebt habe.

Die Waffenverstecke der geflohenen deutschen Soldaten blieben von den Amerikanern unentdeckt. „Ich habe diese Gewehre geheim in einem Lager gebunkert und war immer stolz auf meinen Schatz“, fährt Lobenhofer fort. Als sein Vater aus dem Krieg heimkam, habe er mit geschwellter Brust zu ihm gesagt: „Dadda, i mua dir mal wos zejng!“ und ihm sein Versteck offenbart.

Sein Vater aber sei ganz und gar nicht stolz auf ihn gewesen, sondern war zu seiner Überraschung „völlig aus dem Häuschen“. Dann habe sein Vater die Gewehre umgehend im Wald in Fuchsbauten und anderen Erdlöchern vergraben, und „weg war mein ganzes Geheimnis“.

Viele Jahre später, im Jahr 1983, habe er, angeregt durch den damaligen Bürgermeister Herbert Falk, zur Erinnerung an jene Ereignisse ein Marterl aus Stein gefertigt. Der versierte Hobbysteinmetz fertigte es aus einem hellbraunen Seugaster Sandstein, den er vom Abbruch des Schöpfstadels bekommen hatte.

Knapp vor dem Frohnbergfest wurde es noch fertig und grüßt bis heute mittlerweile mit einem Mosaik der Mutter Gottes (von Herbert Demleitner) alle Wallfahrer an der Auffahrt von Osten her.

Ergänzend, wenn auch nicht zum Kriegsende gehörend: Einmal wurde die Familie vor einer Viehzählung und damit einem Einkassieren von Hühnern gewarnt. Hühner zu schlachten, sei aber keine Lösung gewesen, da man ja auch die Kühlschränke inspizierte. Also, so Lobenhofer, haben wir die Hühner in Kartoffelsäcke gesteckt und im Schrank in der Sakristei der Wallfahrtskirche versteckt. In jene „heiligen Räume“ aber sind die Kontrolleure, Gott sei Dank, nicht gegangen, freut er sich noch heute.

"Geschichte und Geschichten" von und aus Hahnbach von Marianne Moosburger (Teil 14)

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 12. Mai 2020 um 09:58 Uhr  

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