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Kino in Vilseck - Das Fenster zur Welt

Vor etwa achtzig Jahren lag das kleine Städtchen Vilseck noch im Dornröschenschlaf. Das Leben verlief in ruhigen Bahnen, bis es schließlich ein eigenes Kino bekam. Damals gab es Lichtspielhäuser nur in Amberg und Weiden. Doch nun war auch in Vilseck einiges los, denn die große weite Welt hielt Einzug auf dem Lande.

Wer erinnert sich noch an das Vilsecker Kino auf dem Ziegelanger?

Seine Geschichte beginnt 1926 mit einem Antrag des Turnvereins an die Stadt Vilseck zur unentgeltlichen Übereignung eines Bauplatzes auf dem Ziegelanger zwecks Errichtung einer Turnhalle. Diesem Antrag wurde stattgegeben unter der Bedingung, dass bei Auflösung des Vereins oder bei Abbruch der Halle das Grundstück wieder Gemeindeeigentum wird.

So schritt man schließlich zum Bau einer Turnhalle. Nun konnten die Turner ihre Leibesübungen auch an Regentagen und in kalten Jahreszeiten machen. Das ging so bis zu Beginn des 2. Weltkriegs. Bald kam jegliches Vereinsleben zum Stillstand, da die Männer eingezogen waren.

Nun hatte die Stadt wieder das Sagen. Während der Nazizeit fanden in der Halle politische Versammlungen und Kundgebungen statt. Auch gab es in der Turnhalle manchmal einen Film zu sehen, und ab und zu trat auch ein Wanderzirkus dort auf.

Nach Kriegsende hatte Vilseck große Probleme, die ankommenden Flüchtlinge unterzubringen. Die Turnhalle wurde zum Massenquartier umfunktioniert. Deshalb mussten die Stadtväter das erste Gesuch von Frieda Hertling auf das Betreiben eines Kinos ablehnen. Der zweite Antrag wurde schließlich im September 1946 genehmigt, und Frieda Hertling konnte die alte Turnhalle pachten. Sie baute sie zum Kino um und eröffnete zusammen mit Hans Eberle ein Lichtspielhaus! Vilseck hatte sein Kino!

Einen Teil der Einnahmen, nämlich 13 % der Eintrittspreise, musste die Pächterin als Vergnügungssteuer an die Stadt abführen.

1950 errichteten die Turner zur Ausübung ihres Sports eine behelfsmäßige Holzbaracke am Ziegelanger neben der Vils. Ein Vereinsmitglied hatte die Geräte über den Krieg retten können.

Wie ging es mit dem Kino weiter?

Der Zuschauerraum war sehr einfach eingerichtet. Auf langen, hölzernen Bänken, die erst später durch Klappstühle ersetzt wurden, mussten die Zuschauer Platz nehmen. Es gab vier verschiedene Eintrittspreis-Kategorien.

Der dritte Platz bestand aus drei Bankreihen ganz vorne und kostete für Kinder und Jugendliche 40 Pfennige. Man musste dort die Köpfe sehr hochrecken, um dem Film  folgen zu können, weshalb der dritte Platz auch "Rasierplatz" hieß. Die Reihen dahinter reichten bis zum Mittelgang, der zu den Toiletten führte. Dieser zweite Rang kostete 50 Pfennige. Die weiteren Plätze bis ganz nach hinten lagen etwas erhöht und bildeten den ersten Rang. Dafür musste man schon 60 Pfennige berappen.

Als Besonderheit wies das Vilsecker Kino einen Balkon auf. Dieser war schon in der Turnhalle vorhanden und diente zur Stabilisierung des Gebäudes und der Dachkonstruktion. Hier kostete eine Vorstellung 80 Pfennige; Erwachsene zahlten das Doppelte. Den Balkon bevorzugten in erster Linie Liebespaare, die oft wenig vom Geschehen auf der Leinwand mitbekamen.

Wenn die Sitzgelegenheiten nicht ausreichten, holten die Kinobetreiber Stühle vom benachbarten Probst-Wonger. Dafür durften die Probst-Kinder am Sonntagnachmittag umsonst ins Kino gehen.

Ein ehemaliger Vilsecker Kinogänger erzählt nun selber:

„Für uns Kinder und Jugendliche war das Kino ein zentraler Anlaufpunkt. Es lag ja auch sehr günstig, denn der von uns bevorzugte Spielplatz war der Ziegelanger. In einem Fenster an der Kino-Giebelwand wurden mit Bildern und Plakaten die aktuellen Filme angekündigt, und da drückten wir uns täglich die Nasen platt.

Ein Film lief von Montag bis Dienstag, der nächste von Mittwoch bis Donnerstag und ein weiterer von Freitag bis Sonntag. Sonntags waren drei Vorstellungen; um 15, 18 und 20 Uhr; während der Woche nur um 20 Uhr. Freitags gab es um 23 Uhr noch eine Nachtvorstellung.

Wollten wir Kinder abends mal einen Film sehen, hatten wir ein Problem, denn dies war ohne Erziehungsberechtigten nicht möglich. Wir mussten also den Vater oder die Großmutter überreden, uns zu begleiten. Dann konnten wir auch weitere Freunde mitnehmen. Ein paar Stufen führten hinauf zu Kasse, an der man vom Friedl Sepp die begehrten Billets kaufen konnte.

Im Vorführraum oben legte Herr Kern die Filmrollen ein. Albert Kleinitz ging vorher noch mit seinem Bauchladen durch die Reihen und bot Jopa-Eis und Bonbons an.

Zu Beginn jeder Vorführung machte die Vilsecker Geschäftswelt mit Reklame-Dias auf sich aufmerksam. Das Modehaus Louise Propst war da immer vertreten. Im weiteren Vorspann lief, natürlich in schwarz-weiß, „Fox tönende Wochenschau“. Nach einer gefühlten Ewigkeit begann endlich der heiß ersehnte Film.

Das Kino war für uns das Fenster zur Welt. Wir liebten besonders die Wildwest-Filme. Der erste, an den ich mich erinnere, hieß „Die Goldräuber von Tombstone“. Der Held darin wurde von Randolph Scott gespielt, den wir einfach nur Sheriff nannten. Über das ältere Männchen mit dem struppigen Bart, Fuzzy, gab es viel zu lachen. Gern sahen wir auch Piraten- und Karl-May-Filme. Bei den Erwachsenen waren Heimat- und Revuefilme sehr beliebt. Schauspieler wie Paul Hörbiger, Heinz Rühmann, Marika Rökk, Theo Lingen, und viele andere, wurden als Stars verehrt.

Einmal kam sogar der schwedische Film „Sie tanzte nur einen Sommer“ mit Ulla Jacobsson ins unser Kino. Die nackten Tatsachen darin führten zu Protesten der Kirche und zu einem regelrechten Aufruhr in Vilseck. Vor diesem Film hatte nämlich die katholische Filmbewertungsstelle gewarnt. Priester und Lehrer sorgten sich um die Moral in der Bevölkerung.

Die Filmbewertungen, die im Schaukasten am Vilshaus hingen, waren in Kategorien eingeteilt. Filme mit Nummer eins waren für alle uneingeschränkt geeignet, z.B. Heidi. Nummer zwei war nur für Erwachsene, und ein obszöner Film bekam natürlich Kategorie drei und wurde deshalb von der Kirche abgelehnt.

Wie auch immer, Filme regten die Phantasie der Zuschauer und besonders die der Kinder an. Nach einem Zorro-Film schnitzten wir uns hölzerne Degen und übten das Fechten. Nach Wildwest-Filmen rannten wir mit Spielzeug-Revolvern durch die Gegend und spielten Bum-Bum-Kaputt.

Doch wie schon angedeutet, standen Kirchen und Schulen dem Kino allgemein skeptisch gegenüber, was aber der Beliebtheit in keiner Weise abträglich war. Aus heutiger Sicht war alles sehr lehrreich. Wir identifizierten uns zwar mit den Helden und tauchten in Phantasie-Welten ab, doch erweiterten wir z. B. durch Dokumentarfilme auch unseren Horizont und bekamen ein Bild von fernen Ländern. Wir wurden angeregt, uns mit den Themen weiter zu befassen und griffen zwecks weiterer Informationen zu manchem Buch.

Wie und warum die Ära des Vilsecker Kinos endete, weiß ich nicht mehr. Es war jedenfalls eine schöne Zeit. Doch das Fernsehen machte das Kino wohl überflüssig.“

Der Kinobetrieb wurde etwa um 1967 eingestellt. Ab und zu fand noch eine kleine Faschingsveranstaltung im alten Kino statt. 1969 richtete der Burschenverein Concordia dort noch eine Vilsecker Kirwa aus.

Die Firma Willax erwarb 1970 das Gebäude, erweiterte es, versah es mit großen Toren und einem neuen Dach und nutzte es als Omnibusgarage. Seit 2000 befindet sich darin der Kfz-Betrieb des Busunternehmens, und so manch älterer Spaziergänger erzählt seinem Enkel beim Vorbeigehen, dass an diesem Ort einmal ein richtiges Kino gestanden hat.

Trotz des Hochwassers eilten 1955 Besucher aus dem ganzen Umland zum Vilsecker Kino (links) auf dem Ziegelanger. Rechts befand sich die Holzbaracke des Turnvereins, die öfter mal unter Wasser stand

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An den Schautafeln am ehemaligen Vilshaus informierten sich die Kinogänger über die neuesten Filme und deren Bewertungen

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Im Kraus-Garten verbrachten die Cousinen Marieluise und Marlene ihre Freizeit mit Lesen. Tante Luise Viertel schaut ihnen über die Schulter. Das Kinogebäude im Hintergrund ist seit 1970 im Besitz der Firma Willax

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Bilder beliebter Schauspieler in Ansichtskartengröße waren damals begehrte Sammelobjekte

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